Toulouse ist das Zentrum der französischen Luft- und Raumfahrt

Vergnügt und ganz nah an der Schwerelosigkeit. Nein, Elodie ist nicht im Weltraum – ihr „Moonwalk“ ist eine Simulation und findet in der Cité de l’Espace, der „Weltraunstadt“ von Toulouse statt. Eine Stahlseilaufhängung reduziert das Körpergewicht der sportlichen Französin auf ein Sechstel und federt gleichzeitig ihre ausgelassenen Sprünge und Kapriolen wie in Zeitlupe ab. Eine Fotowand mit nächtlicher Kraterlandschaft und einer Abbildung des Mondautos einer Apollo-Mission verstärkt die Illusion ihres beschwingten Weltraumausflugs auf Erden.

Allzu rasch verstreicht diese himmlisch leichte Zeit; in der Warteschlange zum „Moonwalk“ herrscht ganz und gar irdische Ungeduld – und ein unübersehbarer Überhang an Erwachsenen. Kleine, verspielte Kinder tummeln sich gleich nebenan, auf dem „Square oft the small astronauts“, oder in anderen Bereich der fast 3.000 Quadratmeter großen Halle der Cité de l’Espace. Dort bestaunen sie Gestein von Mond und Mars oder einfach nur die unterschiedlichen Ergebnisse der im Liegen und im Stehen gemessenen Körpergröße ihrer Eltern. Auch im fünf Hektar großen Park der Weltraumstadt – wo den Besuchern die einzige MIR-Weltraumstation außerhalb Wladiwostoks offensteht – gibt es Bereiche, die Kindern vorbehalten sind. Beispielsweis ein kleines Gebäude unterhalb des 55 Meter hoch in den Himmel ragenden Nachbaus einer Ariane 5-Trägerrakete. Hier wie dort gilt, so bringt es Marc Moutin, der Ausstellungsleiter der Cité de l’Espace, auf den Punkt: „Nur was man selbst ausprobiert, bleibt in Erinnerung“.

Frankreichs Flugpioniere
Der Traum vom Fliegen hat Toulouse schon sehr früh geprägt. Das französische Wort „avion“ (Flugzeug) geht auf den Erfinder Clément Agnès Ader zurück, der in Toulouse schon am 9. Oktober 1890 mit seinem von einer Dampfmaschine angetrieben Eindecker „Eole“ abhob – ein Jahr vor dem Erstflug Otto Lilienthals und 13 vor den amerikanischen Flugpionieren, den Gebrüdern Wright. Zwischen den beiden Weltkriegen wurde Toulouse Ausgangspunkt für regelmäßige Luftpost- und Frachtflüge über die Pyrenäen und nach Nordafrika. Zu den auf diesen Strecken der „Aéropostale“ eingesetzten Piloten zählten beispielsweise Didier Daurat, Jean Mermoz, Henri Guillaumet oder Antoine de Saint-Exupéry – dessen Zimmer (mit der Nummer 32) im ansonsten längst modernisierten Hotel Grand Balcon Toulouse exakt so erhalten wird, wie es der Pilot und weltberühmte Schriftsteller in den 1930er-Jahren bewohnt hat.

Luftfahrt als Publikumsmagnet
Nach dem Flugpionier Clément Ader (1841-1925) ist die heute nicht mehr für Besichtigungen freigegebene Montagehalle der Airbus A333-Typenreihe benannt. Den Namen des französischen Unternehmers Jean-Luc Lagardère (1928-2003) trägt hingegen die gewaltige Montagehalle, in der das größte Passagierflugzeug der zivilen Luftfahrt, der doppelstöckige Jet Airbus A380 montiert wird. Die Lagardère-Halle nimmt eine Fläche von 22 Fußballfeldern oder 227 Tennisplätzen ein, gleich neben dem Flughafen Toulouse-Blagnac. Ein Teil des Komplex‘ kann, vom benachbarten Musée Aeroscopia aus, im Rahmen geführter Gruppenbesuche besichtigt werden. Beim Aeroscopia-Museum enden die „Let’s visit Airbus“-Führungen mit der Besichtigung des Laderaums eines Militärtransportflugzeugs vom Typ Airbus A400M, das in einem Actionfilm der Reihe „Mission Impossible“ Tom Cruise bei einem seiner waghalsigen Stunts als fliegende Kulisse diente. Technisch interessierte Besucher erfahren an Bord der Transportmaschine beispielweise weshalb die in mehreren europäischen Staaten produzierten Komponenten der Airbus-Flugzeuge mit höchstens fünf Frachtmaschinen zwischen den einzelnen Standorten transportiert werden: Ab der sechsten Maschine wären es statt Prototypen schlicht und ergreifend Serienmaschinen – und für die ist das international geforderte Zulassungsprozedere wesentlich langwieriger. Weitere epochemachende Meilensteine der französischen Luftfahrt werden im Musée Aeroscopia perfekt in Szene gesetzt. Die facettenreiche Sammlung sehenswerter Zivil- und Militärflugzeuge umfasst legendäre Maschinen wie den bauchigen „Super Guppy“, den ersten Transporter für übergroße Airbus-Frachten oder den Überschallpassagierjet Concorde 209. Außerdem werden Hubschrauber, Flugzeuge zur Wetterbeobachtung und knapp ein Dutzend von den Mitgliedern des benachbarten Vereins „Ailes Anciennes Toulouse“ ehrenamtlich restaurierte Militärjets ausgestellt. Die Typenvielfalt ist beeindruckend; sie reicht vom der auch als „Wittwenmacher“ bekannt gewordenen Lockheed F-104 G „Starfighter“ bis zur russischen MiG-15, von der für Flugzeugträger konfigurierten Vought F-8E „Crusader“ bis zur in Frankreich erst 2005 ausgemusterten Sepecat Jaguar A. Natürlich fehlt auch die heute noch in Pakistan eingesetzte Dassault Mirage IIIC nicht – der Kampfjet mit den typischen Deltaflügeln war zu seiner Zeit ein Exportschlager und ein wichtiger Impulsgeber für die französische Luftfahrtindustrie, indirekt wohl auch für Toulouse. Flugzeugfreaks können auch auf dem benachbarten Gelände von „Ailes Anciennes Toulouse“ auf ihre Kosten kommen. Auf dem nur dienstag- bis freitagnachmittags und am Samstag geöffneten Areal warten langsam und fotogen zu Rost bröckelnde Flugzeugwracks auf ihre Aufarbeitung.

Wissenschaft und Start-Ups
Toulouse versteht sich als Wissenschaftsstandort. Das beschert der 500.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt an der Garonne zusätzliche Besucher. Und im Kleinen, mittendrin noch ein Bisschen mehr: An der Rue Léon Gambetta 24 haben unlängst der Biologe Samuel Juillot und der Ingenieur Arnold Osswald ihr Wissenschafts-Café „Eurêkafé“ eröffnet. Also genau dort wo die Altstadt von Toulouse den Prunk der Place du Capitole hinter sich lässt und ihrem Beinamen „ville rose“ (rosafarbene Stadt) Leben einhaucht mit herrlichen Backsteinfassaden, die das Licht der Sonne in allen Rosé- und Orangetönen reflektieren. Raumangebot und Technik des „Eurêkafé“ stehen jedermann offen. Das Besondere daran: Man bezahlt nicht für den einzelnen 3D-Druck, den gebuchten Besprechungsraum, den Flugsimulator oder fürs WLAN, sondern moderat für die insgesamt im Café verbrachte Zeit. Hin und wieder referiert Samuel Juillot zu komplexen Themen, wie beispielsweise „Biobakterien für die Beleuchtung der Stadt von morgen“. Seine Demonstration, wie man die DNA einer Banane gewinnen kann, ist auch bei Kindern ein Hit. Dafür reicht ihm 90-prozentiger Alkohol, ein Teelöffel Salz, ein Esslöffel Spülmittel, Wasser, ein Kaffeefilter und eine zerquetschte Banane. Sollte das Interesse am „Eurêkafé“ tatsächlich einmal nachlassen, sagt Juillot, der in Freiburg, Paris und Stuttgart studiert hat, habe er noch „genügend gute Ideen für zwei bis drei Start-Ups in petto“. Gute Ideen – die haben in Toulouse Tradition. Ein Beispiel: Die älteste Brücke über die Garonne heißt „Pont Neuf“ (Neue Brücke), da alle zuvor konstruierten jeweils bei Hochwasser einstürzten. Erst als Nicholas Bachelier, der wichtigste Toulouser Renaissancebaumeister, die Idee umsetzte, in die sieben Pfeiler der Brücke jeweils einen großen Durchlass für das anströmende Wasser zu integrieren, hielt das Bauwerk der anbrandenden Garonne stand. Bis heute verbindet die 220 Meter lange Brücke die Altstadt mit dem Viertel Saint-Cyprien. An guten Ideen herrschte und herrscht in Toulouse kein Mangel.