Michelle Hunziker im Enzkreis Rundschau Interview

Michelle Hunziker wurde 1977 in Sorengo, in der italienischen Schweiz, geboren. Als Tochter einer Niederländerin und eines Schweizers spricht sie 5 Sprachen fließend. Von ihrem 3. bis zu ihrem 16. Lebensjahr lebte Michelle in Deutschland. Frau Hunziker ist in ihrer zweiten Ehe mit Tomaso Trussardi verheiratet. Das Paar hat zwei gemeinsame Kinder, Sole und Celeste. Ihre älteste Tochter Aurora stammt aus erster Ehe mit Eros Ramazzotti.

Sie haben eine erwachsene Tochter, zwei noch sehr kleine Mädchen, einen erfolgreichen Ehemann und eine große Karriere im italienischen Fernsehen, die dazu führt, dass Sie ständig von Paparazzi umzingelt sind. Wie haben Sie es bei all dem Trubel geschafft, ein Buch zu schreiben?
Ich habe mir die Zeit, die ich brauchte, einfach genommen und das Buch innerhalb eines Jahres geschrieben. Sehr viel ist auch im Sommer entstanden, als ich Zeit hatte. Das waren dann auch sehr intensive Momente. Ich wollte diesen Kreis einfach schließen und jetzt bin ich sehr froh, dass ich das gemacht habe.

Wer „Ein scheinbar perfektes Leben“ liest, wird sehr schnell begreifen, dass das nicht nur ein äußerst unterhaltsames und informatives, sondern für Sie vor allem auch sehr wichtiges Buch ist. War Ihnen das beim Schreiben bewusst? Und was hat Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten am Herzen gelegen?
Meine Motivation war, anderen Leuten die Möglichkeit zu geben, nicht die gleichen Fehler zu machen, die ich gemacht habe. Wenn ich heute zurückblicke, denke ich immer positiv und dass das, was ich damals erlebt habe, mir letztlich die Kraft gegeben hat, diejenige zu sein, die ich heute bin. Trotzdem: Das, was ich gemacht habe, müssen andere nicht unbedingt mitmachen. Ich denke, dass das Thema „Sekte“ ein großes Thema ist. Aber in der Öffentlichkeit wird wenig darüber gesprochen. Dabei gibt es viel mehr Leute als man denkt, die in eine solche Situation geraten. Und es gibt viele, bei denen Familie oder Freunde nicht wissen: Wie kriege ich meine Lieben da raus?“, Wie muss ich mich verhalten? Was passiert da? Auch deswegen habe ich das Buch geschrieben.

Sie haben einen hinreißenden Humor, insbesondere an den wirklich dramatischen Stellen des Buches. Wie haben Sie sich diesen Humor damals erhalten können?
Das geht. Und das ist auch das, was mich gerettet hat: die positiven Seiten im Leben zu sehen. Ich hatte immer einen Grund happy zu sein. Ich hatte meine Tochter und sie war gesund. Und ich hatte einen Job, den ich liebte. Genau das war für mich wie meine Luft zum Atmen. Mein Publikum, die Bühne… Da konnten die anderen nicht rein. Das war ein ganz spezieller Kontakt zu meinem Publikum, den ich hatte. Vor allem als ich Theater gespielt habe. Das war dann ein Moment von vier, fünf oder sechs Stunden, die ich nur mit anderen Leuten außerhalb der Sekte verbrachte. Und da hatte ich mal die Möglichkeit, aufzuatmen und mein Ego wieder ein wenig aufzupäppeln. Wenn ich dann wieder aus dieser Situation rauskam und Kraft getankt hatte, haben sie natürlich sofort wieder auf mich eingewirkt. Sie haben mir gesagt, das sei nicht mein Talent, sondern ihr Talent. Sie wollten mir klarmachen, dass ich diesen Erfolg nur dank der Sekte hatte. Dank der Tatsache, dass ich Teil dieser Gruppe war und dass ich nur dank Clelia meine Seele rettete.

Die Diät, die Sie damals halten mussten, war schauerlich.
Ja, wirklich. Kein Zucker, kein Fleisch, kein Fisch. Nur Gemüse, ziemlich vegan.

Was macht das mit einem, wenn man sich derart spartanisch ernährt?
Das war ganz, ganz schwierig am Anfang. Ich bin lebensfroh und von Natur aus eine Genießerin. Und das war, glaube ich, die erste größere Strafe, die sie mir auferlegt haben. Aber sie haben es als Reinigungsprozess deklariert. Für mich war das ganz schlimm, denn ich liebte das Essen. Mittlerweile habe ich übrigens alles wieder nachgeholt. Für mich war es damals wirklich sehr schwierig, auf so vieles zu verzichten. Enthaltsam zu leben, wenn du 23 bist. Auf gutes Essen, auf ein Gläschen Wein, auf das schöne Leben. Damit du wirklich „rein“ wirst, rein auf die Bühne gehst und die Botschaft überbringst, die du überbringen musst.

Die Isolation, die Sie in Ihrer Kindheit so häufig empfunden haben, ist die gleiche Isolation, mit der Clelia Sie später straft, um Sie gefügig zu machen. Wussten Sie das damals schon oder ist Ihnen das erst im Nachhinein bewusst geworden?
Damals war mir das überhaupt nicht bewusst. Ich war der Meinung, dass ich diese Strafen verdiente. Das war ein großes Leid. Ich habe richtig gelitten, dachte aber, ich hätte es verdient, und deswegen sei das alles okay. Ich dachte, dann verarbeite ich das. Ich versuchte zu verstehen, wo ich Fehler gemacht habe. Das war dann mein eigener psychologischer Prozess. Trotzdem spürte ich: Da stimmt etwas nicht. Aber ich hatte niemanden mehr auf der Welt, dachte ich jedenfalls. Ich war total isoliert und blieb auch isoliert. Das waren ganz schwierige Momente.

Als junges Mädchen wollten Sie als Dolmetscherin für die NASA arbeiten, durch die Sekte haben Sie mehr über das Universum erfahren, als Ihnen lieb war. Was würden Sie heute einem Menschen sagen, der glaubt, einen spirituell hochentwickelten „Meister“ gefunden zu haben?
Ich sage denen: Es gibt keine Meister, die Geld verlangen. Das ist die erste Regel. Vor allem sagt ein Meister niemals, dass er ein Meister ist. Hilfreich im Leben ist jemand, der dir beisteht und dir etwas geben kann. Aber er macht das nicht, weil er dich etwas lehren will, sondern, weil er einfach so ist wie er ist. Das heißt: Vorsicht bei Life Coaches, Meistern, Heilern! Finger weg von diesen ganzen Geschichten! Das einzige, was dich weiterbringt, ist die Familie. Die Leute, die du liebst, Kinder, gute Freunde, deine Eltern oder sonst ein guter Arzt, ein Priester, der dir vielleicht Antworten geben kann. Aber aufpassen mit diesen ganzen Heilern! Die haben etwas, was mir nicht gefällt. Sie wollen dich kontrollieren und sie wollen dein Geld.

Sie sind heute glücklich mit Tomaso Trussardi verheiratet, dem Vater ihrer entzückenden kleinen Töchter. Und Sie haben eine wunderschöne erwachsene Tochter aus ihrer Ehe mit Eros Ramazzotti, zu dem sie immer noch ein gutes Verhältnis unterhalten – haben Sie da überhaupt noch Zukunftsträume oder haben sich Ihre Träume bereits alle erfüllt?
Oh ja, ich habe noch viele Zukunftsträume. Ich habe noch viel vor – in meinem Job sowieso. Da gibt es jeden Tag neue Ideen. Jetzt kommt ein neues weltweites Projekt, mit dem ich in Italien anfange. Dabei bin ich zum ersten Mal Unternehmerin. Leider kann ich noch nicht sagen, worum es geht. Es wird dazu eine Pressekonferenz geben. Außerdem mache ich weiterhin meine Sendungen in Italien und habe viele andere neue Projekte. Ich sage immer: Man wird alt, wenn man aufhört zu träumen. Ich bin immer jemand, der träumt und mit seiner ganzen Familie Zukunftspläne hat. Auf alle Fälle bin ich immer offen für Neues.

Abschließende Frage: „Ein scheinbar perfektes Leben“ ist nicht nur ein wichtiges, sondern auch sehr unterhaltsames Buch. Könnten Sie sich vorstellen, einen Roman zu schreiben und, falls ja, über welches Thema?
Nein (lacht). Ich muss ehrlich sagen: Bücher zu schreiben ist wirklich, wirklich anstrengend. Vor allem, wenn man etwas vom eigenen Leben schreibt. Also ich habe das jetzt einmal gemacht. In Italien wurde es schon im letzten Jahr veröffentlicht. Ich habe es nicht geschrieben, weil ich Unmengen an Büchern verkaufen wollte, sondern weil ich glaube, dass ich anderen damit helfen kann. Und wenn ich nur einem Menschen damit helfen konnte, dann habe ich schon gewonnen. Bis jetzt ist es super gelaufen, ich habe sehr viel Feedback bekommen, unter anderem von Betroffenen, und ich freue mich, dass es hier in Deutschland jetzt auch übersetzt worden ist. Trotzdem würde ich jetzt erst mal kein weiteres Buch schreiben. Natürlich sagt man niemals nie. Wer weiß, vielleicht habe ich in 20 Jahren wieder etwas zu erzählen. Aber dann würde ich immer über Abschnitte oder Erfahrungen aus meinem Leben schreiben. An einen Roman würde ich mich nicht rantrauen.