Susanne Fröhlich im Enzkreis Rundschau Interview

Der Untertitel Ihres neuen Buches lautet ‚Frau Fröhlich räumt auf’. Was genau soll da eigentlich aufgeräumt werden? Der Schrank, der Keller, die Küche?
Susanne Fröhlich: Das Leben. Um genau zu sein: Oberstübchen und Gefühlshaushalt, wo wir Frauen unsere Illusionen, Haltungen, Vorstellungen bevorraten, die uns so oft ausbremsen und hemmen. Wo wir so viele Ballaststoffe und Glücksbremsen herumstehen haben, dass man kaum noch weiter kommt.

Was denn zum Beispiel?
Etwa die Idee, dass man sofort ein total glücklicher Mensch wird, wenn man nur erstmal zehn Kilo abgenommen hat. Oder dieser XXL Pappkamerad ‚Traumprinz’, der seine beste Zeit längst hinter sich hat und auf dem Krönchen schon ein kleines Staubmützchen trägt, zu nichts weiter nütze, als uns die Freude an so ziemlich jedem Mann zu verderben, der keine Strumpfhosen trägt und auf einem Pferd sitzt. Dann diese ewigen Supermutti-Wettkämpfe, die so überflüssig sind wie ein Kühlschrank in der Antarktis.

Sollen wir die jetzt nach Farben sortieren oder wie hat man sich Ihr Ordnungssystem vorzustellen?
Wir haben uns dem Mantra der klassischen Aufräumbücher ein Beispiel genommen. Da heißt es ja immer: Man soll alles mal in die Hand nehmen und überlegen: Brauche ich das? Macht es mir Freude? Tut es etwas für mich? Hat es jemals etwas für mich getan? Sollte man dann nicht sehr gute Argumente finden, kann es weg.

Bei mir mussten das letzte Mal dann der Eierkocher dran glauben und die Vase von Tante Erika….
Aber was ist damit gewonnen? Bloß ein paar Quadratzentimeter mehr Stauraum und noch mehr Arbeit für uns Frauen. Aufräumen ist ja auch immer noch unser Aufgabengebiet. Wenn wir uns dagegen mal bei der Aufteilung der Hausarbeit, in Beziehungen, bei der Erziehung, nach Sinn und Nutzen, nach Verhältnis von Aufwand und Wirkung diese Fragen stellen, wäre in unserem Leben auf einen Schlag viel mehr gewonnen: Entspannung, Souveränität und Zufriedenheit und eine Menge Zeit auf dem Sofa herum zu lümmeln.

Das klingt, als müsste man Frauen erst erklären, wie sie glücklich werden?
Das wissen wir doch sehr gut selbst. Manchmal viel zu gut. Das ist ja oft das Problem. Wir streben so engagiert danach, gute Mütter zu sein, tolle Frauen, fantastisch, gertenschlank, anbetungswürdig, dass wir in der Fabel vom Hasen und dem Igel immer mit hängender Zunge unseren Zielen hinterherhecheln, bloß um festzustellen, dass es sich mit jedem Schritt in die vermeintlich richtige Richtung weiter entfernt. Wir tun so unendlich viel und nie ist es genug.

Ich vermute mal, das kann auch weg?
Ja, unbedingt. Unsere To-do-Liste wird ja ohnehin täglich länger. Dauernd kommen neue
‚Pflichten’ oder auch ‚Herausforderungen’ dazu, ständig sollen wir weiter an uns arbeiten. Aber wozu? Diese Idee, dass Frauen nie fertig sind und immer nur noch besser werden müssen, um wenigstens gut zu sein, um überhaupt Ansprüche stellen zu dürfen, die kann ganz bestimmt auf den Sperrmüll.

Aber ist es nicht sehr zu begrüßen, wenn man an sich arbeitet, nicht auf dem Sofa versackt, sondern weiter kommen will?
Einerseits. Andererseits ist es doch so: Würde viel Fleiß, viel Engagement, viel Lerneifer, eine Menge selbstgekochter Mahlzeiten und gebügelter Bettwäsche und ganz viel Liebe, ganz viel bringen, dann müssten wir doch eigentlich längst das Leben führen, das wir verdienen, mit Männern, die uns vergöttern und gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit. Von der Rente ganz zu schweigen. Aber Frauen verdienen immer noch weniger als Männer, machen aber dafür fast doppelt so viel im Haushalt. Sind deutlich häufiger alleinerziehend, oft unter prekären Bedingungen. Da kann man schon mal auf die Idee kommen, dass viel nicht zwangsläufig viel bringt. Übrigens auch und vor allem in der Liebe.
Was wäre denn in Beziehungen und der Familie dringend zu entsorgen?
In Beziehungen etwa diese Idee, der wir alle so gern anhängen, dass wenn man ganz doll liebt, alles gibt, quasi zwangsläufig auch sehr doll zurück geliebt wird. In der Familie, vor allem im Umgang mit dem Nachwuchs, wäre unser Vorschlag: Weniger diskutieren. Mehr tun. Mehr Konsequenz, weniger Mitleid und Harmoniestreben. Und ganz dringend gehört der Ehrgeiz weg, in die Supermutti-Hall-of-Fame zu kommen. Wozu? Das führt nur ins ewige Fegefeuer der Selbstzweifel.

Klingt, als würden wir über einen Messie-Haushalt sprechen….
Es ist schon ein wenig so: Wenn man mal anfängt, sich all die Maxime anzuschauen, nach denen man so gelebt hat, stellt man schnell fest, wie viele Ballaststoffe man mit sich herumschleppt und man fragt sich schon, weshalb man nicht schon längst mal klar Schiff gemacht hat. Wir haben vielleicht das Problem für die Lösung gehalten: Immer noch mehr zu tun, in der Hoffnung, dass dann mal ALLES erledigt sein könnte.

‚Kann weg!’ ist andererseits ja auch nicht ganz einfach, wer trennt sich schon gern …
Das hat auch eine Freundin gesagt. Sie meinte, das klänge so negativ. Aber nur so schafft man Platz, auch für Neues, für das Leben, das wir uns wünschen und ehrlich gesagt auch verdient haben. Eines, das einen nicht so müde macht, in dem wir entscheiden und die Anerkennung bekommen, die uns gebührt. Schließlich sind wir kluge, aufregende, lustige, interessante Frauen. Und zwar jetzt und nicht erst, wenn wir zehn Kilo abgenommen oder noch einen Volkshochschulkurs Business-English absolviert oder den kleinen Leon dazu gebracht haben, dass er endlich die Sache mit dem Dreisatz kapiert.

Von was haben Sie sich leicht getrennt, von was nicht so leicht?
Ganz leicht habe ich mich von der Vorstellung getrennt, dass ich von allem gemocht werden muss. Und ziemlich einfach war auch der Abschied vom perfekten Haushalt und der Ausstieg aus der Mütter-Competition. Schwer finde ich nach wie vor, mich von der Idee zu verabschieden, dass es da draußen eine Wunder-Diät gibt, mit der man ohne jegliche Einschränkung total gesund und leicht abnimmt und seine Figur hält. Obwohl: Wenn es eine besser wissen müsste, dann ich.

Sind Sie ein ordentlicher Mensch?
Meine Mutter würde da sicher etwas anderes sagen: Aber ich finde eigentlich schon. Jedenfalls räume ich regelmäßig auf. Auch im Kopf und im Herzen. Das gefällt mir besonders gut. Denn das kann man sehr gut auch bequem auch in einem Liegestuhl, auf dem Sofa oder gemeinsam mit Freundinnen beim Italiener tun.